Mathias Weis – Ernte: Vernissage bei Thomas Hühsam

Samstag Abend ist, neben eigentlich allen anderen Abenden auch, der perfekte Zeitpunkt für Kunst. Darum besuche ich auch gespannt die Vernissage der Ausstellung „Ernte – Malerei 2002 – 2017“ des Malers Mathias Weis in der Galerie Thomas Hühsam in Offenbach. Thomas stellt seit Jahren interessante Positionen aus und ich schätze den intelligenten Kunstwelt-Querulanten sehr. Den Maler Mathias Weis hingegen kenne ich noch nicht und begegne seinen Bildern heute zum ersten Mal.

Mathias Weis – Ganz normale Tage 2010 – Öl auf Leinwand / Pappe – 30x40cm

Der erste Eindruck von Weis Malerei ist das Licht und die Farbwelt. Die Bilder sind gleichsam eine Antithese zur grellen Gegenwartskunst und vermitteln in Ihren pastosen warmen Farbgebungen den Eindruck von Zeitlosigkeit – von altbekanntem, von etwas mit Wurzeln. Erst dann trifft einen das Motiv. Eines, das eigentlich gar keins ist. Nämlich scheinbar zufällige Blicke in Räume, auf Raumdetails und Ausschnitte. Unmittelbar fällt mir bei der Serie „Ganz normale Tage“ der Maler Vilhelm Hammershøi ein. Als hätte jemand ein Hammershøisches Interieur einfach über mehrere Generationen weiterbewohnt. Dabei ist Weis‘ Strich keineswegs altmodisch. Kräftige Pinselführung und ein konsequenter Strich zeichnen die Bilder aus. Mit viel Ironie decouvriert der Künstler so manche Spießer-Idylle. In seinem Zyklus „Traumhäuser“ beispielsweise, offentbart die serielle Abfolge von seelenlosen und unindividuellen Immobilien die Trostlosigkeit dieses Retortenglücks und lässt es wie eine Seifenblase zerplatzen. Die Traumhäuser sind ein krasser Gegenentwurf zu den Interieurs in „Ganz normale Tage“. Diese Bilder nämlich sprechen von der Vielschichtigkeit des Lebens. Sie deuten narrativ die vielen Situationen des Alltags an, der hier Tag für Tag, Jahrzehnt für Jahrzehnt dazu beigetragen hat, aus einer Neubauwohnung einen Ort zu machen, den das Leben geformt hat. Das mag eine Türklinke aus Messing sein, die duch fortwährende Benutzung Ihren sanften Schimmer erhalten hat, oder das warme Schimmern in der Sonne von gealtertem Parkettboden, auf dem ein Putzeimer aus Kunststoff verhindert, dass wir hier in Rosamunde Pilcher Idylle verfallen und zeigt, dass hier gelebt wird.

Mathias Weis – Ganz normale Tage – Galerie Thomas Hühsam Offenbach / Öl auf Leinwand 79x95cm

Einen Satz möchte ich noch zu den Zwielicht – Gemälden verlieren. Bettgeschichten, die fast von innen heraus leuchten, deren noch warme Matratze dazu einlädt, wieder zurück ins Bett zu kriechen, sich ein wenig herumzulümmeln und die kurze sorgenfreie Zeit vor dem Einschlafen zu genießen.

Mathias Weis – Zwielicht – Öl auf Leinwand / 2009
Galerie Thomas Hühsam / Offenbach am Main

Chapeau, Mathias Weis!

Übrigens habe ich gestern Abend auch das große Vergnügen gehabt, endlich einen Künstler kennenzulernen, den ich seit wirklich sehr langer Zeit bewundere: Christof Kohlhöfer. Der zweifache Dokumenta Teilnehmer und Beuys Schüler ist kein Unbekannter. Ob im MoMa, der Tate, dem Museum Ludwig in Köln und zahlreichen anderen: Kohlhöfer ist in den Ausstellungen dieser Welt zu Hause. Der Mensch Christof Kohlhöfer dazu ist quasi wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen seines Gesamtwerks. Als nonchalant und dennoch schillernd lässt sich der in die Jahre gekommene Künstler vielleicht ganz zutreffend beschreiben. Er gehört zu denen, die alles gelebt und alles miterlebt haben, zu denen, die in London, New York und Berlin oder L.A. noch einen Koffer stehen haben. Er ist ein Mensch, dessen Geschichten einen fesseln und man bedauert, das man nicht dabei war, als es in London und New York noch nicht so hochglanz – sauber war wie heute, als es Transenbars gab, in denen Zwerge auf Tabletts Budweiser servierten und noch Orangenhaine den Melrose Strip säumten. Als die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen Unter- und Oberschicht in den Metropolen noch stärker aufeinanderprallten, es Menschen gab, die im schmuddeligen Soft-Porno-Kino ihr Zuhause hatten und er mit Sigmar Polke und Joseph Beuys über die Welt philosophierte.

Galerie Thomas Hühsam
Christof Kohlhöfer – AILEEN’S LEGS · 2006 · Spraypaint auf Leinwand · 130 x 175 cm

Ein Samstag Abend, ein perfekter Zeitpunkt für Kunst und für das Leben. Und eine Fingerzeig, dass das Leben immer dort stattfindet, wo man es zulässt – wo man sich mit offenen Augen und Ohren dem Strudel der Erlebnisse ausliefert.

 

Galerie Thomas Hühsam

http://www.huehsam.de/index.php/de/

 

Autor: Ferdimax

Studium Klavier an Dr. Hochs Konservatorium, Frankfurt am Main Studium der Rechtswissenschaften, Kulturanthropologie / europäische Ethnologie und Kunstgeschichte an der Goethe Universität Frankfurt. Leiter Unternehmenskommunikation eines Industrieunternehmens

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